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Beziehung – Versoehnung – Spiritualität

Ein erfolgreicher Kaufmann, 58, wird von der Vergangenheit eingeholt. Vor Jahren sei er einmal von einem Geschäftspartner „hineingelegt“ worden, zu dem er damals in einer fast freundschaftlichen Beziehung gestanden hatte. Dieser Geschäftspartner war wenig später verstorben und es war deshalb nicht mehr möglich, über das Vorkommnis zu sprechen, die ursprünglich lebhafte Beziehung zu seiner Familie erlosch kurz nach dem Begräbnis völlig. Ein Sohn des Verstorbenen, damals ein Schulbub und mittlerweile in das Geschäft eingestiegen, hätte einen zaghaften Versuch gemacht, die geschäftliche Beziehung wieder zu beleben, er habe das aber brüsk zurückgewiesen. Seine heftige Reaktion habe ihn selbst überrascht. Nun belasten ihn nicht nur die längst vergessen geglaubten Ereignisse der Vergangenheit sondern auch der neu entstandene Konflikt mit dem Sohn.

Die erste Sitzung, in der versucht wurde, systemisch-lösungsorientiert ähnliche aber erfolgreich bewältigte Vorerlebnisse zu finden, brachte keinen nennenswerten Fortschritt. Das Denken des Klienten schien von einem Konflikt beherrscht zu sein zwischen der zum Teil in biblischen Kategorien argumentierten Unmöglichkeit, die Schuld des Verstorbenen jemals gesühnt zu sehen und einer ihm nicht ganz erklärlichen Zuneigung zu dem Sohn. Er konnte sich aber nicht vorstellen, dass eine Lösung dieses Konfliktes jemals zu Stande kommen und schon gar nicht, wie sie aussehen könnte.

In der nächsten Sitzung wurde der Klient gebeten, zwei Sessel für sich und den Verstorbenen aufzustellen und in einer Art Rollenspiel durch Wechseln der Plätze ein Gespräch mit dem Geschäftspartner zu führen. Die beiden Sessel wurden von ihm in einer Distanz aufgestellt, die eigentlich für ein Zweiergespräch zu groß war, vor allem waren sie einander nicht vollständig zugewandt. Das Gespräch kam nicht richtig in Gang. In der Rolle des Geschäftpartners fühlte er sich so unwohl, dass er minutenlang nach Worten rang. Nach dem Hinzustellen eines dritten Sessels, etwa gleich weit entfernt von den beiden anderen, „für jemanden oder etwas, was den beiden Konfliktpartnern gleich nahe steht“, besserte sich die Situation insoweit, als es ihm gelang, erstmals auch in der Position des Geschäftspartners gewisse positive Absichten zu erkennen. Das „Gespräch“ spielte sich immer mehr im Kopf des Klienten ab, nur durch Beobachtung seines Gesichtes und seiner Körperbewegungen war es möglich, den Fortschritt zu ahnen.

Zur dritten Sitzung erschien der Klient deutlich entspannter, erklärte aber unvermittelt, er könne sich nach wie vor „keine wirkliche Lösung“ vorstellen, es sei, als ob er „einen Berg hinter einem wolkenverhangenen Himmel verschwinden sehe“, sobald er an die Zukunft denke. Er wurde zur Fortsetzung seines Gespräches mit dem Geschäftspartner gebeten und dazu, zwischen den Positionswechseln immer auch die Position auf dem dritten Sessel einzunehmen – jene Perspektive, die bereits zuvor Bewegung ausgelöst hatte. Als er nach der ersten Runde wieder auf seine eigene Position zurückkehrte, änderte sich sein ernster Gesichtsausdruck ganz plötzlich und ließ etwas wie Überraschung oder Verblüffung erkennen. Er stand auf, reckte sich, als ob eine Last von ihm abgefallen wäre und erklärte, dass die Zuneigung zum Sohn des Verstorbenen ganz einfach wichtiger sein müsse als die nicht gesühnte Schuld – das sei ihm auf dem dritten Sessel eingefallen. Während er sprach, rückte er gedankenverloren an den Sesseln herum, bis schließlich seiner und der des Geschäftspartners einander genau und viel näher als vorher gegenüber standen.

Mehr Erklärungen waren nicht zu bekommen. Nur aus der Symbolik der Vorgänge vor dem sprituellen Hintergrund des Klienten lässt sich ahnen, was hier möglicherweise gedacht wurde. Das Resultat zählt.

Coaching-Gesamtaufwand ca. 6 Stunden.

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