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Biografie als Ressource für Identität

Ausgangssituation

Eine gebildete und am Zeitgeschehen interessierte Dame, 63, Mutter von 2 Kindern, 3-fache Großmutter, führt einen gut gehenden kleinen Gewerbebetrieb und findet sich 2 Jahre nach dem Tod ihres Mannes vereinsamt. Selbst die Enkelkinder brauchen sie nicht mehr, die tägliche Arbeit im Betrieb wird aus reinem Pflichtbewusstsein geleistet. Es kommt ihr vor, als würde ihr das Leben etwa der letzten 30, 40 Jahre „fehlen“. Sie erinnert sich innerhalb dieses Zeitraums kaum mehr an etwas anderes als an Kinder und Enkelkinder und hat sichtlich Mühe zu erzählen, was sie in dieser Zeit eigentlich sonst noch getan hat. Sie merkt das auch selbst und wertet ihre Leistungen immer wieder ab.

Auftrag

Die Kundin möchte aus dieser „Sackgasse“, wie sie ihre aktuelle Situation selbst bezeichnet, wieder herauskommen. Schön wäre es für sie, sich auch wieder auf ihr „eigenes“ Leben zu besinnen und auch für die Zukunft wieder geschäftliche und private Aktivitäten ins Auge zu fassen und aktiv zu verfolgen. Arbeit und berufliche Erfolge haben doch früher auch Spaß gemacht!

Reflexion

Die geschilderten Veränderungen sind zu vielfältig, um sie in kurzer Zeit erfolgreich ergründen zu können. Vielleich genügt es vorerst, Erinnerungen, die ja prinzipiell vorhanden sein müssen, wieder zurückzu­holen. Das würde dem Wunsch entsprechen, sich auf sich selbst zu besinnen. Und vielleicht entstehen alleine daraus auch neue Wünsche…

Lösungsorientierter Einstieg

Das systemisch-lösungsorientierte Gespräch zielt zunächst nur darauf ab, Ausnahmen, d.h. einzelne Erinnerungen zwischen ihren Gedächtnis­lücken zu finden. Es zeigt sich, dass sie sich an einige wenige wichtige geschäft­liche, politische und kulturelle Ereignisse (Betriebsvergrößerung, Wahlen, Auftritte bedeutenderer Politiker, vereinzelte Opernbesuche) durchaus noch erinnert. Sie kommt plötzlich auf die Idee, diese Ereignisse nicht nur untereinander in Beziehung zu setzen, sondern auch der Entwicklung ihrer Kinder und Enkelkinder zuzuordnen. Ich schlage vor, das auf einem großen Bogen Papier schematisch in zeitlicher Reihen­folge stichwortartig festzuhalten. Das lässt auf einem großen Bogen Papier eine Zeitskala entstehen: Unterhalb einer waagrechten Linie zeigt sie wichtige Ereignisse der letzen 50 Jahre. Darüber setzt sie wichtige Zeitmarken ihres persön­lichen und beruflichen Lebens und jenes ihrer Familienmitglieder. Diese Zeitskala ist schon nach der ersten 2-stündigen Sitzung ziemlich dicht. Viele Erinnerungs­lücken sind von Zeitmarken durchbrochen. Ihre Biografie ist noch nicht vollständig.

Eigene Lösungen

Nach 2 Wochen bringt sie den Papierbogen wieder mit. Er ist übersäht mit Eintragungen, sowohl ober- als auch unterhalb der Zeitlinie („alles aus dem Kopf – nicht geschwindelt!“). Wir sprechen über einige neu hinzugekommene Details und sie berichtet angeregt, dass ihr in der Zwischenzeit auch viele Einzel­heiten des gemeinsamen Lebens mit ihrem Mann eingefallen sind. Es fällt ihr auf, dass beim „Dranbleiben“ an einer bestimmten Episode immer wieder neue Punkte dazukommen. Sie hat auch begonnen, ungeordnet herumliegende Fotos in ein Album einzukleben. Ihre Biografie wird selbst zur Ressource. Sie selbst sieht es, als hätte sie in den letzen 3 Wochen eine neue Identität gewonnen. Sie fasst jetzt die Übergabe ihres Betriebes an den dazu schon zu Lebzeiten Ihres Mannes aufgebauten Mit­eigen­tümer konkret ins Auge. Außerdem plant sie jetzt „wieder einmal“ eine Reise, die sie an einzelne Stationen ihres Lebensweges zurückbringen soll. (In der ersten Sitzung war nicht davon die Rede, dass sie überhaupt jemals gereist ist). Eine kurze Zukunftsreise bestärkt ihre Absichten.

Ergebnisse und Abschluss

Befriedigt und überrascht von den in 2 Sitzungen erzielten Veränderun­gen schließt sie dieses Coaching ab. Ihr Ziel der Wiederbelebung ihrer Erinnerung hat sie erreicht, sie hat konkrete Pläne für die aktive Gestaltung ihrer Zukunft.

Gesamtaufwand Psychosoziale Beratung ca. 4 Stunden.

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