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Gewohnheiten verändern

Beitrag zur Blog-Parade ‚Gewohnheiten verändern‘:

Berater- und Trainer-Kollegin Gabi Golling in Hamburg, Deutschland, nicht zuletzt durch Ihr umfassendes persönliches Veränderungsprogramm mit dem volkstümlichen Titel ‚Arsch hoch, Prinzessin!‘ bekannt geworden, hat zu einer Blogparade  unter dem Titel Gewohnheiten verändern eingeladen. Hier mein Beitrag dazu. Er ist selbstverständlich auf Prinzessinnen wie Prinzen gleichermaßen anwendbar.

Gewohnheiten verändern

Was tun mit Gewohnheiten?

Gewohnheiten ad absurdum führenMenschen zu helfen, unliebsame Gewohnheiten abzulegen, zu verlernen, zu verändern oder durch neue, willkommenere zu ersetzen, ist ein beliebtes Thema in Zeitungen und Magazinen. Besonders zu Neujahr floriert dieses Geschäft. Gerade dieses Phänomen der Wiederkehr zeigt erstens, dass es sich auch dabei um eine Gewohnheit handelt, zweitens, dass die empfohlenen Tipps und Tricks ganz offensichtlich nicht so überzeugend wirksam sein dürften, dass aber drittens zumindest ein versteckter Gewinn vorhanden sein muss, sonst würde sich diese Gewohnheit ja nicht so beständig am Leben erhalten. Mutmaßungen dazu, wer hier zumindest einen Gewinn lukriert, überlasse ich den geschätzten LeserInnen gerne selbst…

Wesentlich nachhaltiger wirksame Maßnahmen, um mit Gewohnheiten konstruktiv umzugehen, sind solche, die auf die damit verbundenen individuellen Voraussetzungen, Umstände und Gewinne konkret eingehen und bei ihrer Bearbeitung darauf Rücksicht nehmen.

Gewohnheiten verändern

Eine Reihe von Beispielen dafür finden sich bereits in Gabi Gollings Blogparade. Nachdem diese Beispiele aus Quellen stammen, bei denen eine individuelle Bearbeitung derartiger Themen selbstverständlicher Teil der dahinter stehenden beruflichen Kompetenz ist, sind sie auch von entsprechenden Erfolgen gekrönt. Bloß: angesichts dieser Fülle ist es natürlich für jemanden, der gewohnheitsmäßig darauf verzichtet, der Erste zu sein (eine sehr entspannende Gewohnheit!), zunehmend schwierig, mit einem immer noch interessanten Thema dabei zu sein.

Und doch habe ich eines – und ich demonstriere es gleich durch ein einziges, aber durchaus typisches und, wie ich meine, informatives Fallbeispiel:

Fallbeispiel: Gewohnheiten ad absurdum führen

Herr P betreibt ein winziges (2 MA), bestens florierendes Planungsbüro für Know-How-intensive industrielle Sonderinstallationen in einem kleinen, abseits gelegenen Städtchen. Da gibt es einerseits immer wieder knifflige Aufgaben zu lösen, anderseits ist die Umgebung zwar hübsch, aber auch hübsch langweilig. Wen wundert’s also, dass Herr P zwar seinen Beruf sehr gerne ausübt, aber, wie er erzählt, einerseits zur Prokrastination neigt, sobald die Problemlösungen nicht von alleine zufliegen, und anderseits immer wieder von Langeweile geplagt wird, wenn er nur aus dem Fenster schaut.

Aus dieser Situation hat sich die Gewohnheit entwickelt, dass Herr P etwa 5…10x täglich die Gelegenheit des aus-dem-Fenster-Sehens dazu nützt, seinen schräg gegenüber tätigen Freund, ein ebenfalls erfolgreicher Architekt, auf Anwesenheit und allfällige Aktivitäten zu „kontrollieren“. Erkennbar sind dabei banale Vorgänge wie dessen Ankunft oder Abfahrt mit dem Auto, aber auch gelegentliche Bewegungen hinter den Fenstern des Architekturbüros.

Herrn P bezeichnet diese Gewohnheit kopfschüttelnd selbst als einigermaßen absurd, wenn er aber bei einem Problem gerade nicht weiterkommt, ist sie eine willkommene Gelegenheit zum Prokrastinieren und auch dazu, die dann besonders augenfällige Langeweile seiner Umgebung doch irgendwie zu unterbrechen. Die Beobachtungen dauern nur einige Minuten, beginnen sich aber inzwischen doch aufzusummieren und Herr P hat zunehmende Zweifel, ob sein erzielter Gewinn, er meint damit Ablenkung und Unterhaltung, den Zeitverlust wirklich wert ist. Die beiden Mitarbeiter scheinen sich auch bereits ein bisschen zu wundern.

Ein wichtiges Konzept bei der Bearbeitung von Gewohnheiten ist die Passung allfälliger Maßnahmen in Bezug auf diese Gewohnheiten. Das Ziel ist eine wirksame Musterunterbrechung, diese sollte sich aber möglichst unmerklich in die Gewohnheit einpassen lassen, gewissermaßen um nicht aufzufallen. Gesucht ist also ein ganz kleiner erster Schritt, der in die richtige Richtung führt. Das ist eigentlich eine paradoxe Anforderung – und genau die liefert den Ansatz, der hier genützt wird.

Herr P bekommt die Anweisung, ab sofort während seiner beruflichen Tätigkeit im Büro jeweils zur vollen Stunde sein Gegenüber in der gewohnten Art zu „kontrollieren“. Er darf dabei keinen Timer benützen und wenn er innerhalb eines Zeitfensters von max. 5min Dauer darauf vergisst, diese Aufgabe zu erledigen, muss er auf die nächste volle Stunde warten.

In den zwei nachfolgende Coachingsitzungen, die eher unternehmerischen Themen gewidmet sind, erwähnt Herr P mit keinem Wort, wie er mit der Aufgabe zurecht kommt. Fragen dazu sind nicht erlaubt, denn die Lösung, die das Unbewusste in derartigen Situationen findet, ist im Grunde immer, zunächst auf diese absurde Aufgabe und damit auch auf die Gewohnheit selbst zu vergessen. Eine Frage danach kann genau diesen Erfolg, also das Vergessen, zerstören. In der dritten nachfolgenden Sitzung geht es dann um eine andere störende Gewohnheit und Herr P fragt unvermittelt, ob sich dafür nicht dieselbe Methode eignen würde, die seine „Kontrollbeobachtungen“ ad absurdum geführt und dadurch schon am zweiten Tag erfolgreich beendet hat…

Gewohnheiten – Schluss

Weitere Anregungen zur Methode der paradoxen Intervention, hier in Form einer Symptomverschreibung durchgeführt, finden sich vor allem in [1], das Thema Passung wird in [2] ausführlich behandelt. Paradoxe Interventionen eigenen sich meiner Erfahrung nach besonders gegen Probleme, die die KundInnen selbst als „absurd“, „verrückt“ oder „unverständlich“ bezeichnen. Sie deuten damit an, dass sie selbst schon Anstrengungen gegen die unerwünschte Gewohnheiten unternommen haben, aber dabei unerklärlicherweise nicht weitergekommen sind.

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[1] Watzlawick, Weakland, Fisch: Lösungen
[2] De Shazer: Wege der erfolgreichen Kurztherapie

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2 Comments

  1. Gabi Golling

    Lieber Leo,
    vielen Dank für Dein tolles Fallbeispiel im Rahmen meiner Blogparade, das wieder mal zeigt, wie einfach die Lösung sein kann… wenn man sie nur andersrum denkt. 🙂
    Herzliche Grüße, Gabi

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