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Die Macht der Empathie

Was macht Empathie mit uns?

Der folgende Tweet liefert ein wunderbar illustratives Beispiel dafür, wie Empathie funktioniert und wie sie sich auf uns auswirkt; der Autor ist Simon Inou, Journalist in Wien:

eine empathische Mutter

Das Bild1) zeigt eine Frau im Moment, in dem ein ihr anvertrautes Kind (nehmen wir der Einfachheit halber an, es sei ihr eigenes) eine Injektion bekommt, vielleicht ein Impfung. Man erkennt auch noch die Hand der Person, die die Intervention durchführt – die Fingernägel lassen eine Frau vermuten.

Überraschend ist, dass das Kind selbst gar keinen Schmerz zu empfinden scheint, es sieht im Gegenteil, wenn auch nicht gerade begeistert, so doch vertrauensvoll zu jener Person hoch, die ihm allenfalls Schmerz zufügen könnte. Das Kind spürt durch geschickte Vorbereitung, durch wirkungsvolle Ablenkung, vielleicht auch durch professionelle Verabreichung der Spritze tatsächlich nichts oder so wenig, dass sein Vertrauen in den guten Zweck der Aktion unerschüttert bleibt. Man hat gar nicht den Eindruck, dass es sich vom geübten Griff der Medizinerin befreien wollte. Trotzdem lässt das Gesicht der Mutter ganz deutlich erkennen, wie sehr sie ihre Empathie mit dem Kind den (vermuteten) Schmerz mitempfinden lässt.

Das aber ist paradox: Weder kann die Mutter aufgrund ihrer Blickrichtung sehen, dass das Kind Schmerz erleidet, noch ist aufgrund dessen Gesichtsausdrucks anzunehmen, dass es über die Behandlung klagt oder gar schreit.  Dennoch vermittelt das Gesicht der Mutter, dass ihr die Intervention wirklich „unter die Haut geht“.

Dieses empathische Mitleiden ist also offensichtlich nicht auf tatsächlich erlittene Schmerzen des Kindes zurückzuführen, sondern auf die Wirklichkeitskonstruktion der Mutter. Sie geht in ihrer Vorstellung davon aus, dass das Kind Schmerzen haben muss und „leidet mit“, obwohl das Kind  nicht erkennbar leidet.

Empathie, selbst zwischen Mutter und Kind wie in diesem Beispiel, beruht also nicht auf einer geheimnisvollen und wie auch immer gearteten Verbindung zwischen (real) leidender und mitleidender Person, sondern eben nur auf der Wirklichkeitskonstruktion der mitleidenden.

Empathie über zwei Ecken

Ein amüsantes Beispiel für die Macht der Empathie liefert Markus Felber, ein ebenfalls twitternder Journalist in der Schweiz; er kommt sogar ganz ohne Bildunterstützung aus:

Empathie_Rückenweh

Schon mit dem „kreuzunbequemen“ Adjektiv, mit dem er die Gartenstühle des Nachbarn charakterisiert, bereitet er uns beim Lesen auf sein in der letzten Zeile berichtetes Rückenweh vor. Und wir können es durchaus nachfühlen, wenn wir uns darauf einlassen – wenn wir also durch Gestaltung der Vorstellung, die wir uns von der Szene machen, unsere eigene Wirklichkeitskonstruktion so gut anpassen, dass möglich wird, was möglich scheint. Vergessen wir aber dabei nicht, dass schon das von ihm berichtete Rückenweh nur ein durch seine Empathie vermitteltes sein kann; er hat die Gartenstühle ja vermutlich noch nicht einmal selbst ausprobiert…

Instrumentalisierte Empathie

Dass die Möglichkeit, Empathie in unseren Zusehern oder Zuhörern hervorzurufen, aber auch für eigene Zwecke instrumentalisiert werden kann, zeigt ein drittes Beispiel.

Das folgende wörtliche Zitat ist dem Beitrag „Norbert, der Profi“ auf der Webseite des FALTER entnommen2), in dem der Journalist Benedikt Narodoslawsky im Gespräch mit Prof. Walter Ötsch Kommunikationstechniken eines der Kandidaten zur österr. Bundespräsidentenwahl 2016, nämlich Ing. Norbert Hofer, analysiert:

Hanno Settele: Was ist geschehen bei ihrem Paragleit-Unfall?

Hofer: Das ist eine blöde Geschichte (…) Man knallt am Boden auf. Ich war damals sehr austrainiert, Gott sei Dank, hab alles angespannt, aber die Knie fahren einmal hinein in die Rippen. Dann brechen einmal die Rippen. Mit dem Steißbein auf den Boden und dann sind fünf Wirbel gebrochen. Dann liegst du da und spürst deine Beine nicht mehr. Dann weißt du eh schon, was los ist. (…) Es war zuerst der Befund Querschnittlähmung komplett.

Settele: Puh.

Ötsch: Hofers Unfall ist eine schlimme Geschichte, auf einer persönlichen Ebene verdient er unser Mitleid. Aber das hat nichts mit dem Wahlkampf zu tun. Er macht aus einem höchstprivaten Schicksalsschlag eine öffentliche Inszenierung und zeigt vor, wie man eine Geschichte erzählt. Er spielt seinen Unfall mit seinem ganzen Körper nach, der Zuschauer kann sich so besser in seine Situation versetzen. Er schafft es, Settele und das Publikum zu rühren.

Hier wird mittels einer kurz und eindrucksvoll erzählten Geschichte das Empathie-Klavier virtuos bespielt, um hohe emotionale Beteiligung der Zuhörer und -seher zu induzieren. Bei jenen, die das nicht durchschauen, wird damit eine emotionale Bindung erzeugt, die sie über manch anderes, das in einem Wahlkampf mehr Bedeutung haben muss, unbewusst und daher bereitwillig hinwegsehen lässt. Kurz – hier darf Absicht vermutet werden.

Was machen wir mit unserer Empathie?

Empathie genießt einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Empathie ist die emotionale Basis für Mitgefühl, Mitleid, Hilfsbereitschaft, Solidarität – ja, ganz allgemein für unsere Mitmenschlichkeit.  Empathische Reaktionen können mit oder ohne unser bewusstes Zutun zustande kommen. Doch gerade, wenn andere damit spielen, wie in dem heiteren zweiten Beispiel, werden wir darauf aufmerksam gemacht, dass es an uns selbst liegt, ob wir die Kontrolle über unsere Empathie aufgeben oder nicht.

Das ist nicht einfach, wie das dritte Beispiel zeigt: Für sich betrachtet ist die kurze Geschichte, die hier erzählt wird, absolut harmlos und der Erzähler verdient, wie im Zitat angemerkt, unser Mitgefühl. Es erfordert allerdings erhebliche Übung und Aufmerksamkeit, mithilfe der so geweckten Empathie nicht überrumpelt zu werden. Was wir mit unserer Empathie machen und was wir aus ihr machen – das muss immer noch uns selbst überlassen bleiben.

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Impulsreferat ‚Empathie‘
Impulsreferat ‚Juristische Wahrnehmungsfilter‘
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1) Lt. Simon Inou ist die Quelle unbekannt; das Bild wurde honorarfrei veröffentlicht.
2) FALTER 18/16, letzter Zugriff 16.05.2016.

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