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Muster brechen – oder lieber doch nicht?

Beitrag zur Blogparade „Muster brechen“

„Muster brechen“ ist das Thema des diesjährigen PM-Camps in Dornbirn und der zugehörigen Blogparade. Hier mein Beitrag dazu:

Erwünschte und unerwünschte Muster

Projekte zeichnen sich bekanntlich durch ihre Einmaligkeit aus. Sie stehen damit im Gegensatz zu Prozessen, die erwünschte Muster institutionalisieren. Welche Muster sind es dann, und was mag an ihnen so schädlich sein, dass das Bedürfnis entsteht, sie zu brechen?

Muster brechenOffenbar gibt es Muster, erwünscht oder nicht, auch in Projekten – und wen wundert’s? Schließlich gehören Muster zu jenen Verhaltensweisen von Menschen und Organisationen, die so oft vorkommen, dass sie zwecks Ersparnis von Zeit, sozialem Aufwand, intellektueller oder physischer Leistung u.Ä. automatisiert, vielfach auch ritualisiert werden. Zumindest erhoffen sich das jene, die sich ein Muster angeeignet haben. Solche manchmal extrem komplexe Muster zu brechen – und ab sofort geht es logischerweise nur mehr um unerwünschte – wird folglich auf Widerstand treffen. Und der ist es eigentlich, der „gebrochen“ werden müsste.

Muster oder Widerstand brechen?

Widerstand zu „brechen“ ist anerkannterweise eine sehr ineffektive Art mit ihm umzugehen. Das Wort alleine löst schon Ängste hinsichtlich Gewaltanwendung aus. Aus der Praxis in Coaching, Organisations- oder Unternehmensberatung ist nur zu gut bekannt, dass alleine die Deklaration eines bestimmten Verhaltens als Widerstand (z.B. gegen Beratungsinterventionen) diesen überhaupt erst einmal erzeugen kann; und wenn er erst einmal vorhanden ist, dann wirken solche Erklärungen so gut wie immer eher noch verstärkend. Als BeraterIn ist es in diesen Situationen ratsam, sich selbst und das eigene Verhalten zu hinterfragen, welche Bedürfnisse des Gegenübers man im Beratungsprozess möglicherweise übersehen und/oder wissentlich unbefriedigt gelassen hat. Das liefert Denkanstöße für weitere Überlegungen.

In Projektumgebungen geht es üblicherweise um das bekannte Dreieck aus Zeit, Geld und Qualität. Schädliche Muster sind beispielsweise solche, die durch „Ersparnisse“ bei der Qualität aufgelaufene Mehraufwendungen bei Zeit und Geld kompensieren sollen. Wer einige Zeit in Projektumgebungen gearbeitet hat, kennt diese Versuche nur zu gut und weiß, dass sie im Grunde immer scheitern. Sie müssen scheitern, denn im erwähnten Dreieck gibt es keine Freiheitsgrade mehr, die Auswege bieten würden. Die Zwänge, die durch dieses Dreieck erzeugt werden, lassen einige unbefriedigte Bedürfnisse vermuten, um in der Diktion des letzten Absatzes zu bleiben.

Gesucht: neue Denkkategorien

Einerseits besteht eine klare Notwendigkeit, die normative Kraft des Faktischen anzuerkennen. Um aber in der als Beispiel zitierten Situation neue Ideen zu generieren ist es wohl besser, die angewandten Denkkategorien selbst zu überdenken – und nach Möglichkeit zu verändern. Die Denkkategorien des Projektmanagement-Dreiecks sind zu-früh-zu-spät, Gewinn-Verlust, gut-schlecht. Wo gibt es hier Ansatzpunkte, die es erlauben stets so zu handeln, dass neue Möglichkeiten entstehen, wie es Heinz v. Förster verlangt?

Denkkategorien, die Muster aufzulösen erlauben

Eberhard Huber beschäftigt sich in seinem Blogbeitrag Muster brechen – was ist Erfolg? bereits mit einem neuen Ansatz für den Begriff Erfolg und erweitert das Dreieck um weitere Kategorien in Richtung Zufriedenheit, Lernerfolge und Ideengewinnung. Ich halte diesen Ansatz für absolut wertvoll und richtig, schlage allerdings noch weitere Denkkategorien vor. Im Sinne der weiter oben skizzierten Betrachtungsweise geht es mir darum, Bedürfnisse der engagierten Menschen, der sie einbettenden Organisation bis hin zu anderen Stakeholdern offenzulegen und nach Möglichkeit zu befriedigen, sodass die unerwünschten Muster schlicht unnötig werden und sich wie von alleine auflösen. Folgende Bereiche fallen mir dazu ein, die neue Freiheitsgrade bringen – in vielen Fällen wird schon alleine die offizielle Anerkennung erbrachter Leistungen in diesen Bereichen eine Muster verändernde oder sogar lösende Wirkung haben:

  • Kreativität in jedem beliebigen Projektzusammenhang
  • unternehmerisches Denken und/oder Verhalten
  • Zivilcourage, Mut, Verantwortungsbereitschaft und Übernahme von Eigenverantwortung, die sich z.B. im Hinterfragen von Projekthandbüchern und Prozessvorschriften zeigen kann, bis hin zu bewusstem Abweichen von Regeln und Anordnungen (vgl. Maria-Theresien-Orden, ein bekanntes Beispiel dieser Art)
  • Berücksichtigung „vergessener“ Stakeholder, z.B. Wohlstand teilen, Schaffung zusätzlicher Ausbildungsplätze für Flüchtlinge, Einbringen ökologische Kriterien u.Ä.; eine Stakeholderanalyse hilft hier weiter

Möglicherweise entkommen wir damit unerwünschten Mustern ohne sie brechen zu müssen, denn die Lösung des Problems des Lebens erkennt man am Verschwinden des Problems, bemerkt Ludwig Wittgenstein (Tractatus, 6.251). Das lässt hoffen.

 

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Bildnachweis: Das „Bild im Bild“ auf dieser Seite ist unter Copyright Grégory Massal veröffentlicht.

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