Perspektiven

Prokrastinieren für Profis

Prokrastination, AufschieberitisProkrastinieren für Profis

Aufschieben, prokrastinieren, brodeln, bummeln, trödeln, herumtun, verzögern. Wer tut das nicht, gelegentlich wenigstens? Und wer ärgert sich dann, früher oder später, nicht über sich selbst? Anderseits: wenn es für etwas so viele Ausdrücke gibt1), muss es schon was ganz Wichtiges sein…

Akzeptieren, was ist

Wie bei so manchen anderen Verhaltensweisen, die uns an uns stören, tun wir besser daran, sie und damit uns selbst zunächst einmal so zu akzeptieren, wie wir sind. Die systemische Arbeitsweise verbietet Analysen nicht, aber umsetzbare Lösungen sind ihr lieber. Mir auch. Probieren Sie einfach einmal eine der folgenden drei Vorgangsweisen aus, ohne auch nur den Versuch einer Analyse zu machen, warum Sie sind, wie Sie sind, und warum Sie nicht tun, was Sie tun sollten. Erfahrungsgemäß führt das nur zu weiterem Aufschieben. Es gibt z.B. Menschen, die sagen, sie brauchen Druck, um mit der Arbeit zu beginnen. Warum also nicht ein bisschen

Druck machen

und rechtzeitig mit der Arbeit beginnen? Selbstbestimmung ist immer besser als Fremdherrschaft. Legen Sie sich für Ihre bisher immer wieder aufgeschobene Aufgabe einen einfachen Zeitplan zurecht, etwa nach folgendem Schema: 30min daran arbeiten – 10min Pause – und dann im gleichen Rhythmus 3- bis 4-mal weiter; und dann ist Schluss für diesen Tag. Fortsetzung morgen, gleiche Zeit, gleicher Ablauf. Es muss ja auch Zeit für anderes bleiben. Von einem Tag zum nächsten dürfen Sie auch die Intervalle in der Länge verändern (aber nicht über 1h in einem Stück, bitte!), nicht aber die Anzahl. Das ist für beliebige Aufgaben anwendbar. Je umfangreicher die Aufgabe, desto länger dauert natürlich der gesamte Prozess, dafür haben Sie dann auch mehr Gelegenheit für Anpassungsversuche. So kommen Sie ohne Druck von außen voran. Es geht aber auch anders, und zwar

Einfach so: machen.

Vor allem bei schriftlichen Aufgaben, aber natürlich nicht nur dabei, haben Sie oft das Gefühl, noch nicht richtig zu wissen, womit und wie Sie loslegen sollen. Verständlich. Nicht jeder ist ein Mozart, der das komplette Klavierkonzert mit allen Sätzen bereits fix und fertig im Kopf hat und es „nur mehr“ ins Reine schreiben muss. Tipp: Schädliche, weil unrealistische Vergleiche mit anderen Menschen über Bord werfen und einfach anfangen, ohne weitere Umstände. Sie legen einfach los. Da kommt auch einmal Unbrauchbares dabei raus, Ihre Gedanken sind noch nicht richtig sortiert, geschweige denn zu Ende gedacht. Und Einiges passt überhaupt nicht zusammen. Aber je länger sie daran arbeiten, desto freier wird Ihr Kopf von all diesen Bedenken und Überlegungen, bei denen Sie schneller die Fäden verlieren, als Sie neue anknüpfen können. Schön langsam erhalten Sie einen Überblick über alles, was Sie bisher produziert haben. Paradoxerweise kommt immer klarer zum Vorschein, was noch fehlt und jetzt fällt Ihnen auch Neues ein. Immer öfter genießen Sie das Privileg, Vorhandenes durch Besseres ersetzen, dabei aber allfälligen Perfektionismus in realistische Schranken verweisen zu dürfen. Dinge neu zu strukturieren, zu priorisieren – und manche doch lieber zu entsorgen. Besser so.2) Falls Ihnen diese Fortschritte nicht reichen: kombinieren Sie diese Methode mit der vorangegangenen, um auch zeitliche Struktur (mit oder ohne Druck) reinzubringen.

Prioritäten setzen…

…aber anders als Sie jetzt vermuten – das ist das dritte Prinzip, mit dem Sie das Prokrastinieren für sich in positive Bahnen lenken können. Gehören Sie auch zu jenen Menschen, denen angesichts einer unbedingt zu erledigenden Aufgabe gleich eine andere einfällt, die sie doch noch vorziehen? Dann übrigens noch eine. Später nochmals eine andere. Und sobald diese paar erledigt sind (setzen Sie Ihre typischen Aufgaben ein, jede passt), kommen vielleicht doch noch neue zum Vorschein – die Sie womöglich auch brav erledigen. Bis Sie schließlich einmal auch auf eine Aufgabe stoßen, die sich Ihnen noch geschickter entzieht als jene, die sich bisher so erfolgreich vor ihrer Erledigung gedrückt hat. Und das ist der Ansatzpunkt für den Prioritäten-Trick: Es ist, wie’s ist – auch mit den Prios. Was immer es auch war, das Sie da beeinflusst hat, Sie haben eine ganze Reihe von Aufgaben abgearbeitet. Selbst wenn die nur dem Lustgewinn gedient haben – ist doch gut! In Wirklichkeit hatten Sie eben andere Prioritäten, als Ihnen Ihre ursprüngliche Aufgabe vorgaukeln wollte. Und jetzt stehen Sie vor dieser Aufgabe, während Sie hinter dieser eine andere erkennen, die Sie als noch weniger dringend einstufen. (Ungeübte würden sagen: noch weniger gern erledigen – aber Sie sind jetzt schon ein Profi!-) Also erledigen Sie jetzt einmal die ursprüngliche… und… geschafft! Die dahinter liegende Aufgabe durchläuft den gleichen Prozess.

Das war’s schon. Ja, es gibt viel dazu zu lesen, vor allem kluge Analysen, die kaum zu Lösungen führen, und auch sehr unterschiedliche Anleitungen [1, 2, 3]. Ich finde, so gut wie alle lassen sich irgendwie auf die bisher beschriebenen drei Techniken zurückführen – also, probieren Sie die doch gleich einmal aus. Sollten Sie eine echt neue finden, bitte um Mitteilung, da bin ich wirklich neugierig. Funktionieren sollte sie allerdings auch.

Aber halt: eine Methode gibt es doch noch, mit dem Aufschieben umzugehen, ich nenne sie:

Der Weg zur Hölle

Der ist leicht zu beschreiben: überhaupt nichts tun. Besonders wichtige und langfristig bedeutsame Entscheidungen, die man eher nicht ohne externe Beratung treffen sollte, sind hier leichte Opfer. Keine Hintergrundinfos einholen, keine Entscheidung treffen, ob mit oder ohne Prio, mit oder ohne Arbeitsprogramm, mit oder ohne Druck, einfach so – nichts machen. Statt dessen Luftschlösser bauen. Etwa ein Sabbatical antreten, ohne ein ganz konkretes, gut geplantes und mit anderen Menschen abgestimmtes Vorhaben damit zu verbinden, bloß in der vagen Hoffnung, am Ende zu wissen, wie z.B. der weitere berufliche Weg aussehen wird. Wird er nicht, bleibt alles offen. Das gilt auch für Weltumsegelungen, für das x-te esoterische Selbstfindungsseminar sowie für Aufenthalte in Indien, um bei Guru XY Erleuchtung zu erfahren. Das sind Urlaube, die nicht einmal bezüglich Erholungswert halten, was sie zu versprechen scheinen – dafür dauern sie nämlich zu lange. Der Schlüssel ist immer das ganz konkrete Vorhaben. Wir Menschen brauchen das. Ohne den Schlüssel gibt es nämlich auch das zugehörige Schloss nicht und nicht den Raum, der damit erschlossen wird. Nur das Nichts – die Hölle…

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1) prokrastinieren: von lat. procrastinare, „vertagen“
2) Dieser Blogbeitrag ist übrigens einfach so entstanden.

Literatur:
[1] COOPER, Belle Beth : Why Procrastination Doesn’t Need a Cure.
[2] WINNER, Michelle: 9 Ursachen, warum du jeden Tag kostbare Zeit verschwendest.
[3] KANE, Christine: 9 Productivity Tricks for Procrastinators.

 

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