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Teamarbeit – wozu eigentlich?

Teamarbeit

À propos Teamarbeit – kennen Sie diese Sprüche?

„TEAM = Toll Ein Anderer Macht’s!“
„Denken kann man nur mit dem eigenen Kopf.“
„Wirklich Großes entsteht so gut wie nie in Teamarbeit.“
„Für mich ist Teamarbeit, in der Gemeinschaft an Problemstellungen zu arbeiten, um sie dann mit den anderen zu erörtern und Lösungen zu verfolgen oder zu verwerfen.“

Wem fallen beim Lesen dieser Statements nicht sofort passende Erlebnisse ein? Und wenn das so ist – wozu dann eigentlich Teamarbeit?

Arbeiten im Team

Der erste Spruch macht’s einfach: Ein „Team“, in dem Aufgaben, vor allem unangenehme und schwierige, an andere Teammitglieder weitergereicht werden, ist kein Team, sondern eine schlecht kooperierende Ansammlung von Menschen. Eine der Voraussetzungen für wirkungsvolle und effiziente Teamarbeit ist, dass einzelne Aufgaben im Team besprochen, hinsichtlich Ergebnis, Umfang und Ausführung abgestimmt und dann von einem oder mehreren, phasenweise auch von allen Teammitgliedern bearbeitet werden.

Teamarbeit: Ameisen bauen eine BrückeDas geschieht im optimalen Fall so, dass das Team, einer gemeinsamen Zielvorstellung zugewandt, gemeinsam über Lösungsideen nachdenkt und Lösungen generiert, die einzelne Teammitglieder alleine nicht finden hätten können. Das ist häufig der Fall, wenn die Einzelpersonen über unterschiedliche Kompetenzen verfügen. Aber nicht nur dann: auch bei Menschen ähnlichen fachlichen Hintergrundes können unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen, Erinnerungen, oder die Beziehungen einzelner Personen zueinander völlig neue Ideen auslösen.

Dieses synergetische Zusammenwirken bietet Chancen, die durch dieselben Personen in Einzelarbeit mit nachfolgender Abstimmung kaum jemals erreicht werden. Der Abstimmungsprozess mag demokratisch sein – leider wird in solchen Prozessen eher auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner hingearbeitet, anstatt auf eine in mehreren Dimensionen neuartige, kühne Idee. Und der Zeitaufwand für N unabhängig gefundene Lösungen plus nachfolgender Abstimmung ist meistens größer als eine von N Personen gemeinsam erarbeitete Lösung.

Natürlich, „denken kann man nur mit dem eigenen Kopf“. Allerdings eröffnet das Denken mehrerer Köpfe, die in einer Atmosphäre offener, anregender und am gemeinsamen Ziel orientierter Kommunikation an einem Thema arbeiten, kreative Möglichkeiten, gegen die andere Methoden wohl kaum jemals ankommen werden.

Einzelarbeit vs. Teamarbeit

Die Aussage „wirklich Großes entsteht so gut wie nie in Teamarbeit“ kommt meistens in Verbindung mit Giganten wie Beethoven, Picasso, Rilke oder Einstein. Ja, es stimmt: Menschen dieses Niveaus erbringen ihre schöpferischen Leistungen häufig alleine, denn „denken kann man nur mit dem eigenen Kopf“ und von diesen Köpfen ist auch zu erwarten, dass sie alleine Großartiges zustande bringen. Um von hier auf den Boden der Realität der übrigen mindestens 99% der Menschen herunterzukommen: Wer nicht selbst schon zur Riege der genannten Genies zählt, oder wenigstens mit Fug und Recht eine Nominierung für einen der nächsten Nobel-, Wittgenstein- oder ähnlicher Preise erwarten darf, ist – bitte um Entschuldigung – anmaßend.

Übrigens wird auch in Biografien und eigenen Aufzeichnungen dieser Menschen immer wieder darauf verwiesen, wie sehr sie auf Impulse ihrer Umgebung geachtet haben. Im wissenschaftlichen Bereich gibt es seit Jahrzehnten kaum mehr bahnbrechende Leistungen, die im stillen Kämmerchen erbracht worden sind. Lise Meitner etwa, die nach ihrer Vertreibung aus dem Deutschen Reich auf Korrespondenz mit Otto Hahn und ihrem Neffen Otto Frisch angewiesen war, hat oft darüber geklagt, wie sehr ihr der Kontakt zu ihren ehemaligen Teammitgliedern fehlt.

Mindestens 99% aller Teams arbeiten nicht am nächsten Nobelpreis, sondern an praktikablen, notwendigen, neuartigen, manchmal schutzfähigen, häufiger einfach innovativen Lösungen für mehr oder weniger anspruchsvolle Probleme, Pannen, Krisensituationen usw. Es geht um Problemlösungen, die innerhalb eines bestimmten Zeit-, Qualitäts- und Kostenrahmens benötigt werden und konkrete Bedingungen zu erfüllen haben. Die erwähnten Genies hatten es diesbezüglich etwas leichter, denn ihre Höhenflüge hat niemand von ihnen erwartet; heute ist das wohl nicht einmal mehr im künstlerischen Bereich der Fall, vom wissenschaftlichen ganz zu schweigen.

Ich habe im wissenschaftlichen Bereich die persönliche Erfahrung gemacht, dass VertreterInnen der 1%-Kategorie gerne bereit sind, sich voll in Teams einzubringen und auf der Kreativität ihrer Teammitglieder aufzubauen. Sie sind demütig genug anzuerkennen, dass sie davon ebenso profitieren wie das Team von ihrer Mitarbeit und ihre genialen Lösungen von der Akzeptanz des Teams. Überrascht das? Sollte das nur auf ihre überlegene Intelligenz zurückzuführen sein?

Teamarbeit und Individualität – ein Widerspruch?

Schließlich noch die Sager der Bauart „für mich ist Teamarbeit… “, gefolgt von beliebiger Beschreibung einer persönlichen Sichtweise, die Teamarbeit zumindest einschränkt: Ja, Teamarbeit ist auch ein individuelles Thema. Introvertierte werden vermutlich etwas mehr Rückzugsmöglichkeiten brauchen als Extrovertierte; angehende Genies etwas mehr Freiraum als geduldige ArbeiterInnen; persönliche Arbeitsstile spielen eine Rolle. Und die sogenannten „blöden Fragen“, womöglich noch „zum falschen Zeitpunkt“, sind besondere Zuckerl, weil sie tatsächlich mehr Denkanstöße ins Team bringen, als gemeinhin angenommen wird. Das und mehr muss in einem funktionierenden Team erlaubt und möglich sein. Es darf nur nie auf Kosten des Grundprinzips gehen und darf bei keinem Teammitglied das Gefühl erzeugen, dass andere bevorzugt werden – womöglich aufgrund deren persönlicher Eigenheiten. Individuelle Bedürfnisse, so berechtigt sie subjektiv sein mögen, dürfen niemals unterschiedliche Wertschätzung der Teammitglieder bewirken.

Wohlfühlen im Team

Ein wichtiger Aspekt der Individualität ist jener des persönlichen Wohlbefindens im Team und bei der Teamarbeit. Unter welchen Bedingungen geht es uns gut, empfinden wir Teamarbeit als befriedigend, wird produktiv gearbeitet?

Aus meiner Erfahrung und jener von KollegInnen und KundInnen gibt es dabei zwei wiederkehrend erwähnte Voraussetzungen:

  • Die Arbeit als solche muss als sinnvoll wahrgenommen werden, ihr Nutzen und ihr Sinn – das „Wozu“ – müssen klar erkennbar und mit den Werten der Teammitglieder im Einklang sein. Wie übrigens bei jeder einzeln geleisteten Arbeit auch.
  • Die Gemeinschaft im Team muss als ein sicherer Ort wahrgenommen werden: es muss erlaubt sein, gelegentlich auch etwas „Falsches“ zu sagen oder zu tun, ohne angegriffen, lächerlich gemacht, bestraft oder gar ausgeschlossen zu werden. Das erfordert wechselseitige Empathie für die Bedürfnisse und Gefühle der Teammitglieder.*)

Muss man all das selbst erlebt haben, um daran glauben zu können? Das zu denken ist bereits das erste Hindernis auf dem Weg zu kreativer und innovativer Teamarbeit. Es einfach einmal geschehen und sich überraschen zu lassen – so beginnt’s…

Anerkennung: Ich bin dankbar für den Anstoß zu diesem Blogbeitrag, den @yousitonmyspot im Verlauf einer Twitter-Kommunikation gegeben hat.

Verwandte Themen:
Teambildung und Integration
Wertschätzung – was ist das?
Team-Selbstreflexion
Teamentwicklung  
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*) Ergänzung: Wie mir heute, 4.3.2016, von einem interessierten Leser mitgeteilt wurde, hat Google dasselbe in einer langen Studie ebenfalls herausgefunden, s. What Google Learned From Its Quest to Build the Perfect Team.

Bildnachweis: Das Bild auf dieser Seite ist ein Foto von Kasi Metcalf, das mit dem Titel „berry green ants“ auf Flickr unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY NC ND 2.0) veröffentlicht ist.

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