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Überqualifikation & Fachkräftemangel, Teil 2: Bewerbungen

Angesichts der immer weiter auseinanderklaffenden Ansprüche von Angebot und Nachfrage auf dem Stellenmarkt (s. Überqualifikation & Fachkräftemangel, Teil 1: Wie es dazu kommt) geht es darum, wie sich Stellensuchende gegenüber dem Problem der ihnen vorgehaltenen  Überqualifikation verhalten sollen, und wie Rekrutierende mit dem (behaupteten oder realen) Fachkräftemangel fertig werden müssen. Faktum ist, dass beide Seiten gemeinsam an der Erzeugung des Phänomens in nicht näher bestimmbarem Ausmaß beteiligt sind.

Dieser Teil 2 des Blog-Beitrages Überqualifikation und Fachkräftemangel behandelt die Situation der BewerberInnen. Teil 3 beleuchtet das Thema aus der Perspektive des Recruitings und erscheint am 25.5.2015.

Vorgehaltener Überqualifikation vorbeugen

Qualifikation statt ÜberqualifikationÜberqualifikation (gleichgültig, ob abgeleitet oder real) vorgehalten zu bekommen ist immer ein echtes Problem. Man beugt ihm leichter vor, als es post festum lösen zu müssen. Grundregel: Zeigen Sie Ihre Qualifikation – aber nicht mehr. Es gibt mehrere Ansatzpunkte:

  • führen Sie schon in Bewerbungsschreiben und Lebenslauf nur jene Qualifikationen an, die konkret verlangt werden oder mit Sicherheit als nützlich zu werten sind; seien Sie hier streng: Bewerbungsunterlagen werden häufig von wenig qualifizierten Kräften oder, immer öfter, durch Personalauswahl-Programme vorselektiert; jedes Zuviel wirkt nur belastend, verschleiernd und keineswegs zu Ihrem Vorteil
  • ganz wichtig ist das oben genannte Prinzip im Gespräch gegenüber fachlich unterlegenen GesprächspartnerInnen und  schwachen Führungskräften – hier ist Geschick und gutes Einfühlungsvermögen gefragt, um durch die eigene Kompetenz nicht womöglich Minderwertigkeitsgefühle im Gegenüber zu erzeugen
  • besondere Vorsicht bei Freizeit-, ehrenamtlichen und nebenberuflichen Tätigkeiten: letztere müssen Sie sogar angeben, in allen Fällen ist es aber wichtig, die Darstellung so zu gestalten, dass beim Arbeitgeber der Eindruck vermittelt wird, er könne daraus einen wie auch immer gearteten Nutzen ziehen; hier gilt: weniger ist meistens mehr
  • seien Sie flexibel: gerade jene Teile Ihrer Qualifikation, die Sie für die ausgeschriebene Position zunächst nicht nützen können, helfen Ihnen früher oder später, eben diese Position selbst zu gestalten, weiterzuentwickeln und so daraus mehr zu machen, als zunächst vorstellbar ist, denn niemand anderer hat genau Ihre Qualifikation
  • das Umsteigen auf völlig andere Fach- oder Tätigkeitsgebiete treibt das Problem Überqualifikation auf die Spitze; neben Zusatzausbildung, ausgefeilter Nutzenargumentation und geschicktem Einsatz metaphorischer Vergleiche braucht es hier auch risikobereite Recruiter bzw. Arbeitgeber; lassen Sie sich trotzdem nicht entmutigen: mit kreativer, gut vorbereiteter Argumentation sind auch schon ein Archäologe kaufmännischer Geschäftsführer in einem Industriebetrieb und eine Ärztin eine weltweit erfolgreiche Ausstellungskuratorin geworden…
  • Flexibilität ist auch bei Ihren sonstigen Forderungen und Wünschen angesagt: leitende Funktionen etwa sind mit 25h Wochenarbeitszeit nun einmal nicht so leicht glaubwürdig auszuüben…
  • reflektieren Sie selbst: wenn Sie manchmal denken, bisher mehr erreicht zu haben, als Sie eigentlich verdienen, dann sind Sie vielleicht ein Opfer des gar nicht so seltenen Hochstapler-Syndroms; das Gefühl, die erreichten Erfolge eigentlich nicht wert zu sein, behindert Sie sowohl beim Verfassen Ihrer Bewerbungsunterlagen als auch bei allen Gesprächen mit künftigen Arbeitgebern und sollte unbedingt in einem geeigneten Coaching bearbeitet werden – es verleitet Sie nicht nur dazu, alle Behauptungen bis in unnötige Details beweisen zu wollen, sondern macht Ihre Äußerungen inkongruent und trübt Ihre Wahrnehmung dessen, was andere von Ihnen erwarten
  • achten Sie beim Erstgespräch darauf, dass es tatsächlich schwieriger ist, nicht verlangtes Können zu verschweigen, als mit nicht vorhandenem Können anzugeben; überlegen Sie vorher gut, was Sie offenlegen wollen, weil es dem potentiellen Arbeitgeber Nutzen bringt

Mit Überqualifikation umgehen

Sollte Ihnen aber eine wie auch immer geartete Überqualifikation tatsächlich vorgehalten werden, bieten sich folgende Lösungsansätze an:

  • nehmen Sie nicht von vornherein an, es handle sich um eine bloße Ausrede, sondern versuchen Sie herauszufinden, was genau bei Ihrem Gegenüber den Eindruck der Überqualifikation hervorgerufen haben könnte; wenn Sie fündig werden und Ihr Gegenüber doch davon überzeugen können, dass es ihm Nutzen bringt, gewinnen Sie; das könnte sein…
    • Alter (zu Kundenkreis, Job und MitarbeiterInnen passend?)
    • Erfahrung (Dauer, Art, Anwendungsbereich…)
    • Ausbildungsdetails, Titel, Zertifizierungen, Berechtigungen
    • Publikationen, öffentliche Auftritte
    • bisherige Arbeitgeber, ArbeitskollegInnen, Kundenkontakte, Mitgliedschaften
  • wenn Sie hier trotz detektivischer Fähigkeiten längere Zeit vergeblich ermitteln, haben Sie immerhin eines gelernt: Ihr Gegenüber hat das Gespräch wider Erwarten noch immer nicht abgebrochen, offenbar spricht doch etwas für Sie – wofür interessiert sich also Ihr Gegenüber nun wirklich?
    • geringere Gehaltsforderungen
    • Anpassungsfähigkeit / Lernwilligkeit / Flexibilität (in welcher Beziehung?)
    • besondere Loyalität
    • geschickter Umgang mit besonderen Kunden / Vertriebserfahrung / Beratungserfahrung
    • Ihre Vorzüge gegenüber alternativen KandidatInnen
    • was sonst?
  • wenn auch hier keine konstruktive Gesprächsbasis zu finden ist, dann…
  • …versuchen Sie, zumindest ein konkretes persönliches Feedback zu Ihrer Bewerbung zu bekommen – das haben Sie immer verdient, selbst wenn Sie schon ganz zu Beginn ausscheiden
  • danach halten Sie besser nach der nächsten Stellenausschreibung Ausschau

Haben Sie hingegen selbst den Eindruck gewonnen, hinsichtlich einzelner Aspekte überqualifiziert zu sein, dann geht es darum, genau diese konkreten Fakten so umzudeuten, dass Ihr Gegenüber den Mehrwert erkennt, den Sie mitbringen; was im bisherigen Gespräch übersehen worden sein könnte, worin dieser Mehrwert bestehen könnte – hier ist Gelegenheit, Kreativität zu beweisen, wie die folgenden beiden Beispiele zeigen:

  • Eine Bewerberin wollte aus ihrer wissenschaftlichen Karriere in die lukrativere Anwendungsberatung im Vertrieb eines Industriebetriebes umsteigen; der erfolgreiche Schlüsselsatz war: „Ich habe bemerkt, dass mir der Kontakt mit Kunden und ihren an sich simplen, alltäglichen Problemen rasche Erfolgserlebnisse verschafft – die haben mir bisher gefehlt und dabei motivieren sie mich am allermeisten!“
  • Manchmal führt auch entwaffnende Offenheit zum Ziel – etwa im folgenden Fall eines Bewerbers mit einem sehr praktischen Anliegen: „Ich suche einfach für die nächsten drei Jahre einen Job, der mir mehr Zeit für die Familie lässt – was danach kommt, möchte ich heute offen lassen.“ Das traf sich mit zuvor herausgefundenen Plänen des Arbeitgebers und ein befristeter (daher unkündbarer) 3-Jahres-Vertrag war das Resultat.

Kurz, es geht darum, Win-Win-Situationen zu schaffen, indem Sie Ihr Gegenüber davon überzeugen, dass in der ausgeschriebenen Position genau Sie eine für den künftigen Arbeitgeber optimale Besetzung sind. Sorgfältige Gesprächsvorbereitung ist der Schlüssel dazu.

Und wenn alles schief geht – hier noch ein emotionales Trostpflaster: Mittelmäßige Führungskräfte stellen gerne auch nur Mittelmaß ein, weil sie ständig um ihre Autorität fürchten; insofern ist es um den Job, den Sie durch Überqualifikation nicht erreicht haben, nicht schade. Starten Sie Ihre nächste Bewerbung!
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Verwandte Themen:
Überqualifikation & Fachkräftemangel, Teil 1: Wie es dazu kommt
Überqualifikation & Fachkräftemangel, Teil 3: Recruiting
Bewerbungscoaching

Bildnachweis: Das Bild auf dieser Seite zeigt einen Ausschnitt eines auf www.all-free-photos.com unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-SA 2.5) veröffentlichten Bildes.

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4 Comments

  1. Ina

    Interessante Tipps und klasse Beispiele. „Nicht verlangtes Können zu verschweigen ist tatsächlich schwieriger, als mit nicht vorhandenem Können anzugeben!“ Das denke ich auch:) Totaler Fokus auf den AG bzw. Job und Individualisierung stehen im Vordergrund.

    Zum Dialog gehören tatsächlich beide Gesprächsteilnehmer und wenn die Führungskraft sich bedroht fühlt, dann klappt es halt nicht. Zum Glück sind wir Menschen einzigartig und so bieten sich immer wieder neue Chancen, die man ergreifen sollte.

    Danke für die Tipps

  2. Username*

    Sehr guter Beitrag mit wirklich nützlichen (abweichend von dem im Netz zu findenen) Bewerbungstipps !!

    Vielen Dank !

    Ing. Rudolf Arenstorff

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